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Zeuge der Zeit: Christian Pfeil · Trotz allem

vom 28.07.2024

Zeuge der Zeit: Christian Pfeil · Trotz allemHier klicken um das Video abzuspielen
Den Tag seiner Geburt hat im Januar 1944 im Lager von Lublin niemand registriert. Aber es war kalt, eiskalt. „Man sagt, es war ein Wunder, dass ich überlebt habe. Bei dieser Kälte und ohne Essen. Ich war so klein, man hat mich in eine Zigarrenkiste hineingelegt. Meine Mutter hat mich als Säugling zur Zwangsarbeit im Lager mitgenommen und in den Schnee gelegt. Man kann es nicht glauben, aber so war das. Hätte sie mich zurückgelassen in der Baracke, wäre ich wahrscheinlich ermordet worden“, sagt Christian Pfeil. Nach der Befreiung durch die Rote Armee 1945 versucht die Familie in Trier einen Neuanfang. 500.000 Sinti und Roma sind europaweit ermordet worden. Nur die wenigsten haben überlebt. Christian Pfeils Eltern und ältere Geschwister gehören zu ihnen. Aber die Jahre der Folter, der Mangelernährung und täglichen Todesangst haben körperliche und seelische Spuren hinterlassen. Die Familie ist eigentlich auf staatliche Hilfen angewiesen, aber der Umgang mit den Überlebenden durch die deutsche Gesellschaft und die deutschen Behörden nach dem Krieg sind geprägt von massiven strukturellen Benachteiligungen: Die Nachkriegsbehörden legen fest, dass Sinti und Roma nicht aus „rassischen“ Gründen verfolgt und ermordet wurden, sondern wegen „asozialer und krimineller Haltung“. Entschädigungsanträge von Sinti und Roma werden daher meist abgelehnt. An offiziellen Stellen oder in Gesundheitsämtern sitzen darüber hinaus auch nach dem Krieg häufig dieselben Beamten, die während der NS-Zeit für die Verfolgung der Sinti und Roma mitverantwortlich waren. Die Familie bleibt sich selbst überlassen. Christian Pfeil gelingt in den 70er Jahren - allen Widerständen zum Trotz – der Durchbruch: Er wird ein erfolgreicher Gastronom in Trier und führt Kultlokale, in denen die Prominenz ein und aus geht. Er hat es geschafft. Doch dann kommt der Tag, an dem er als Sänger im Fernsehen ein sozialkritisches Lied zum Besten gibt. Ein Chanson, in dem er auf das Schicksal der Sinti und Roma während der NS-Zeit aufmerksam machen will. Nach diesem Auftritt im Jahr 1993 wird er Opfer zweier Neonazi-Anschläge. Er bekommt Morddrohungen, sein Lokal wird mit Nazi-Parolen beschmiert und zweimal komplett zerstört. Christian Pfeil erinnert sich: „Die Schmierereien und die Wörter, die an die Wand geschrieben worden sind, haben mir sehr wehgetan. Die Hakenkreuze und SS-Runen. Die ganze Familie war fünf Jahre im KZ. Das Schlimmste, was man sich vorstellen kann, ist uns passiert. Und danach nochmal dieser Schmerz.“ Hilfe durch die Behörden erfährt er nicht. Die Fälle sind bis heute unaufgeklärt. Nach Jahren des Schweigens tritt Christian Pfeil später wieder an die Öffentlichkeit: „Irgendwann kam ich zu diesem Punkt. Man darf nie aufgeben. Ich habe Angst. Aber ich werde, solange ich lebe, mich dagegen wehren und erzählen, was uns passiert und die Leute aufrütteln. Aber ob das reicht? Ich weiß es nicht.“
Sender:
ARD-alpha
Sendedatum:
28.07.2024
Länge:
43 min
Aufrufe:
11

Weitere Folgen

44 min

Zeuge der Zeit: Ivar Buterfas-Frankenthal · Der unbeugsame Mahner

10.11.2024 | ARD-alpha

Eine Erinnerung verfolgt Ivar Buterfas-Frankenthal seit mehr als 80 Jahren: Schulkameraden in Uniformen der Hitlerjugend zwingen den Siebenjährigen auf ein Eisengitter, zünden Papier an und wollen ihn verbrennen. Ivar entkommt knapp seinen lachenden Peinigern. Aber es haben sich tiefe Wunden eingebrannt. Ivar Buterfas-Frankenthal wird am 16. Januar 1933 als Sohn einer Hamburger Akrobatenfamilie geboren. Die Familie ist mit ihren acht Kindern europaweit auf Bühnen unterwegs. Aber in Ivars Geburtsjahr kommt Adolf Hitler an die Macht, und das Leben ändert sich von einem Moment auf den anderen. Denn Ivars Vater ist Jude. Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird er zum Aufbau des Konzentrationslagers Esterwegen gezwungen und später ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Während Ivars Vater im KZ täglicher Folter ausgesetzt ist, wird in Hamburg das Leben für Ivars christlich getaufte Mutter und ihre als „Halbjuden“ gebrandmarkten Kinder immer schwieriger. Daher entscheidet sich die Mutter, die Identität ihrer Kinder zu verheimlichen, und behauptet, bei einem Bombenangriff alle Papiere verloren zu haben. So gelingt es ihr, mit ihren acht Kindern ins von den Deutschen besetzte Polen zu fliehen. Dort aber wird die jüdische Identität der Kinder entdeckt, und die Familie flieht im Sommer 1943 zurück ins nahezu vollständig ausgebombte Hamburg. Hier überlebt die Familie den noch weitere zwei Jahre andauernden Krieg und Verfolgung in einem Kellerloch. Jahrzehnte später lassen die Erlebnisse während der Verfolgung durch die Nationalsozialisten Ivar Buterfas-Frankenthal zum Mahner werden. "Ich bin durch die Hölle gegangen", sagt er rückblickend. Seine Berufung findet der erfolgreiche Bauunternehmer schließlich in der Erinnerungsarbeit gegen Unmenschlichkeit und gegen das Vergessen.

44 min

Zeuge der Zeit: Der unbeugsame Mahner

10.11.2024 | ARD-alpha

Eine Erinnerung verfolgt Ivar Buterfas-Frankenthal seit mehr als 80 Jahren: Schulkameraden in Uniformen der Hitlerjugend zwingen den Siebenjährigen auf ein Eisengitter, zünden Papier an und wollen ihn verbrennen. Ivar entkommt knapp seinen lachenden Peinigern. Aber es haben sich tiefe Wunden eingebrannt. Ivar Buterfas-Frankenthal wird am 16. Januar 1933 als Sohn einer Hamburger Akrobatenfamilie geboren. Die Familie ist mit ihren acht Kindern europaweit auf Bühnen unterwegs. Aber in Ivars Geburtsjahr kommt Adolf Hitler an die Macht, und das Leben ändert sich von einem Moment auf den anderen. Denn Ivars Vater ist Jude. Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird er zum Aufbau des Konzentrationslagers Esterwegen gezwungen und später ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Während Ivars Vater im KZ täglicher Folter ausgesetzt ist, wird in Hamburg das Leben für Ivars christlich getaufte Mutter und ihre als „Halbjuden“ gebrandmarkten Kinder immer schwieriger. Daher entscheidet sich die Mutter, die Identität ihrer Kinder zu verheimlichen, und behauptet, bei einem Bombenangriff alle Papiere verloren zu haben. So gelingt es ihr, mit ihren acht Kindern ins von den Deutschen besetzte Polen zu fliehen. Dort aber wird die jüdische Identität der Kinder entdeckt, und die Familie flieht im Sommer 1943 zurück ins nahezu vollständig ausgebombte Hamburg. Hier überlebt die Familie den noch weitere zwei Jahre andauernden Krieg und Verfolgung in einem Kellerloch. Jahrzehnte später lassen die Erlebnisse während der Verfolgung durch die Nationalsozialisten Ivar Buterfas-Frankenthal zum Mahner werden. "Ich bin durch die Hölle gegangen", sagt er rückblickend. Seine Berufung findet der erfolgreiche Bauunternehmer schließlich in der Erinnerungsarbeit gegen Unmenschlichkeit und gegen das Vergessen.

42 min

Zeuge der Zeit: Otto Kernberg · War Hitler Narzisst? Im Gespräch mit Manfred Lütz

14.04.2024 | ARD-alpha

"War Hitler Narzisst?" fragt Dr. Manfred Lütz in diesem Interview einen der bekanntesten Psychoanalytiker der Welt: Den 1928 in Wien geborenen und vor der Shoah noch rechtzeitig nach Südamerika geflohenen Zeitzeugen Otto Kernberg. Sein Name ist aus Forschung und Praxis nicht wegzudenken, wenn es um die Behandlung schwerer Persönlichkeitsstörungen geht - wie etwa dem Narzissmus, antisozialem Verhalten oder der Borderline-Erkrankung. Otto Kernberg blickt auf ein turbulentes Leben zurück. Er ist ein echter Wiener, liebt seine Stadt und kennt sie wie seine Westentasche. Aber als er zehn Jahre alt ist, ändert sich alles für ihn. Österreich wird am 15. März 1938 Teil des Deutschen Reiches unter Adolf Hitler. Gerade noch rechtzeitig gelingt es Familie Kernberg nach Südamerika zu fliehen. In Santiago de Chile wird Otto Kernberg später ein renommierter Psychiater und Psychoanalytiker. Ende der 50er Jahre kommt der nächste große Wandel in Kernbergs Leben: Er emigriert in die USA, wird in New York Professor für Psychiatrie an der Cornell University und Ausbildungsanalytiker an der New Yorker Columbia University. Gemeinsam mit seinem Kollegen und Freund, dem Psychiater und Theologen Manfred Lütz spricht Otto Kernberg in diesem Interview sehr persönlich über seine Kindheit in Wien, seine Einschätzungen zur politischen Weltlage, über Donald Trump und über die große Frage: "Was ist Glück“?

59 min

Zeuge der Zeit: Ursula Dorn · Mein Leben als Wolfskind

14.04.2024 | ARD-alpha

"Der Wald war unser Schutz, unsere Heimat", sagt Ursula Dorn. Sie ist eines von etwa 20.000 "Wolfskindern", die vor der Hungersnot und den Rache- und Gewaltexzessen sowjetischer Soldaten aus Königsberg in die litauischen oder polnischen Wälder fliehen. Ursula versteckt sich in Litauen, bettelt um Milch und Brot bei Bauern oder verdingt sich als illegale Arbeiterin. Das Grauen beginnt aber bereits lange vorher: Ursula wird am 19. April 1935 geboren und wächst während der NS-Herrschaft im ostpreußischen Königsberg auf: als Arbeiterkind auf dem Schleppkahn ihrer Großeltern. Gleich zu Kriegsbeginn 1939 muss ihr Vater Fritz Buttgereit an die Front. Dass er 1946 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft stirbt, erfährt sie erst Jahrzehnte später. Auch von all den Verbrechen, die Deutschland unter dem Hakenkreuz begeht, bekommt Ursula nur wenig mit. Ihre Kindheit findet in Bombenkellern statt. Dort harrt sie während der Luftangriffe der Alliierten gemeinsam mit ihren kleinen Geschwistern Tage und Nächte aus. Ihr Leben ist geprägt von Todesangst und ständigem Hunger. Als die Rote Armee Anfang April 1945 die Stadt einnimmt, wird das Mädchen mit anderen deutschen Kindern und Frauen als "Kriegsbeute" auf einen Todesmarsch geschickt. Die Frauen werden systematisch und tagtäglich vor den Augen der Kinder vergewaltigt. Hunger quält die Überlebenden. Ursula schlachtet in ihrer Verzweiflung einen Hund, um ihn zu kochen. Krank und verlaust bettelt sie die russischen Soldaten um Essen an. Als die inzwischen Zehnjährige selbst kurz vor dem Hungertod steht, steigt sie eines Tages in einen sowjetischen Beutezug und fährt ins Nirgendwo. Sie landet schließlich im litauischen Kaunas, wo sie sich als Wolfskind im Wald versteckt. Ursula Dorn hat lange geschwiegen und ihre Geschichte für sich behalten. In diesem Film berichtet sie schonungslos von den Traumata ihrer Kindheit, von ihrer späteren Flucht aus der DDR und von dem grenzenlosen Leid, das Kinder in Kriegen erfahren müssen. 

44 min

Zeuge der Zeit: Ernst Grube · KZ-Kind, Jude, Antifaschist

11.04.2024 | ARD-alpha

Ernst Grube kommt 1932 in München auf die Welt. Seine Mutter Clementine ist Jüdin, sein Vater Franz evangelisch. Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 beginnt für Familie Grube die Zeit der Demütigung und Verfolgung. Die Familie bewohnt eine Wohnung der Israelitischen Kultusgemeinde in der Herzog-Max-Straße, in der auch die Hauptsynagoge steht. Nach deren Abriss im Juni 1938 müssen die Grubes ihr Wohnhaus verlassen. Die Familie wird aufgeteilt. Ernst, sein Bruder Werner und seine Schwester Ruth werden von den Eltern getrennt und in einem jüdischen Kinderheim in Schwabing in der Antonienstraße untergebracht. Als 8-Jähriger muss Ernst den gelben Judenstern tragen, darf nicht mehr in die Schule und wird von seinen Altersgenossen außerhalb des Heims bespuckt und beleidigt. Die meisten Kinder und Erzieherinnen des Heims werden 1941 nach Litauen deportiert und ermordet, unter ihnen seine 9-jährige Freundin Anita. Weil sich sein Vater weigert, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen, entgehen Ernst, seine Geschwister und seine Mutter der Deportation und damit der sicheren Vernichtung. Bis Februar 1945. Obwohl Auschwitz befreit ist, werden Ernst Grube, seine beiden Geschwister und seine Mutter mit dem letzten Transport aus München nach Theresienstadt deportiert. Am 8. Mai 1945 erlebt der 12-Jährige die Befreiung durch die Rote Armee. Zurück in München, wird Ernst Grube Malermeister, wie der Vater. Dann holt er das Abitur nach und wird Berufsschullehrer. Er ist gegen den Aufbau der Bundeswehr und die "Militarisierung der Bundesrepublik" und engagiert sich in der Gewerkschaft und als Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands. 1959 wird er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, wegen Verstoßes gegen das KPD-Verbot. 1970 wird ihm ein Berufsverbot ausgesprochen, weil er DKP-Mitglied ist. Das Berufsverbot wird zurückgenommen, nachdem Grube dem Sachbearbeiter im Münchner Rathaus seinen Judenstern auf dem Schreibtisch legte. Ernst Grube ist Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und im politischen Beirat des NS-Dokumentationszentrums der Stadt München. Als Zeitzeuge ist er immer wieder in Schulen aufgetreten. Sich selbst bezeichnet Ernst Grube als Jude, Antifaschist und Kommunist

44 min

Zeuge der Zeit: Abba Naor · "Wir kamen immer wieder zurück ins Lager"

10.04.2024 | ARD-alpha

Abba Naor wird am 2. Mai 1945 auf dem Todesmarsch bei Waakirchen in der Nähe des oberbayerischen Bad Tölz befreit. Er ist 13 als die Deutschen seine Heimat Litauen besetzen. Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941, zu der damals auch Litauen gehört, beginnt der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung, lange bevor "die Endlösung der Judenfrage" auf der Wannseekonferenz 1942 beschlossen wird. Abba Naor erlebt 1941 die Massenexekutionen in den Festungen der Stadt Kaunas aus der Perspektive eines Heranwachsenden, der im Ghetto angesichts der alltäglichen Bedrohung zum Freund seiner Eltern wird. Er versucht, seinen kleinen Bruder vor den Selektionen der Deutschen im Ghetto zu beschützen, wenn die Eltern nicht da sind. Doch als sie in das erste Konzentrationslager Stutthof bei Danzig verschleppt werden, muss er kurz darauf durch den Zaun zusehen, wie seine Mutter mit dem kleinen Bruder in einen Transport nach Auschwitz abgesondert wird. Es ist das letzte Mal, dass er sie sieht. Bis heute schmerzt ihn dieses Bild, wenn man mit ihm darüber spricht. In einem langen Interview über sein Leben in dieser Zeit beschreibt er eindrücklich seine furchtbaren Erlebnisse und wie groß nach der Befreiung der Wunsch war, ein "normaler" Mensch zu sein, und welche Fragen zum "Menschsein" ihn deshalb bis heute beschäftigen. Abba Naor arbeitete später für den Mossad und ist heute Nachfolger des jüdischen Überlebenden Max Mannheimer im internationalen Dachau-Komitee und damit eine wichtige Stimme der Überlebenden.

42 min

Zeuge der Zeit: Dr. Eva Umlauf · Die Gefühlserbin

10.04.2024 | ARD-alpha

Als Eva am 19.12.1942 im slowakischen „Arbeitslager für Juden“ in Nováky geboren wird, herrschen 20 Grad Minus. Das Wasser, das die Hebamme während der Geburt erwärmt, friert binnen kürzester Zeit wieder ein. Dr. Eva Umlauf, geborene Hecht, ist eines der wenigen Kinder, das im Lager geboren wird und später das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Dass sie ihre Geschichte der Nachwelt erzählen kann, gleicht einem Wunder.Bewusste Erinnerungen an die ersten Jahre ihres Lebens hat die in München lebende Kinderärztin und Psychoanalytikerin Dr. Eva Umlauf nicht. Aber etwas in ihr, sagt sie, wusste immer, dass sie Erlebnisse in sich trägt, die kaum zu ertragen sind. Es sind Gefühlserbschaften, die transgenerationell weitergegeben werden. Auch ihre Mutter Agnes Hecht überlebt den Holocaust, aber nach der Befreiung spricht die Familie kaum über das, was geschehen war. Man wollte nach vorne blicken. Die Schmerzen hinter sich lassen. Es sind Familiengeheimnisse, die jeder wahrt.Erst als Dr. Eva Umlauf 2014 einen Herzinfarkt erleidet, beginnt sie, ihre Geschichte im Detail zu recherchieren. Sie reist in Archive, trifft sich mit Historikern, recherchiert bis ins Kleinste. Besonders schmerzhaft wird es, als sie herausfindet, dass sie als Zweijährige im Vernichtungslager Auschwitz im Winter 1944 monatelang von ihrer Mutter getrennt ins Krankenlager des berüchtigten Dr. Josef Mengele gebracht wurde. Dr. Eva Umlauf berichtet in diesem bewegenden Interview über den Umgang mit schwierigen Gefühlserbschaften, über die Bejahung des Lebens und weshalb die Nummer auf ihrem Unterarm ein Zeichen des Überlebens ist.

44 min

Zeuge der Zeit: Eva Madelung · Das Geheimnis meines Vaters Robert Bosch

09.04.2024 | ARD-alpha

Eva Madelung ist Psychotherapeutin und die jüngste Tochter des Großindustriellen Robert Bosch. Dass ihr Vater während der NS-Zeit Oppositionelle und Verfolgte unterstützt, weiß Eva Madelung als Mädchen nicht. Es geschieht im Geheimen. Eva selbst ist als Mädchen begeisterte Nationalsozialistin und will nur eines: dazugehören. 1931 wird Eva Madelung als Eva Bosch in privilegierte Verhältnisse hineingeboren. Sie ist anders als die anderen, denn ihr Vater Robert Bosch ist einer der bedeutendsten Unternehmer seiner Zeit. Begonnen hat er im Jahr 1886 in einer Stuttgarter Hinterhofwerkstatt, später wird er mit der Weiterentwicklung der elektrischen Magnetzündung für Automobile weltweit bekannt und erfolgreich. Der Unternehmer gilt als ausgesprochen modern, liberal und menschenfreundlich. Als Hitler 1933 an die Macht kommt, ahnt Bosch als einer der wenigen, welch zerstörerisches Potenzial in den Ideen der Nationalsozialisten schlummert. Er hilft im Geheimen jüdischen Familien beim Aufbau eines neuen Lebens im Exil, und in seinem Unternehmen entwickeln sich Oppositionszellen um Carl Goerdeler und Hans Walz – der „Bosch-Kreis“. Bosch verachtet das nationalsozialistische Regime. Und doch bleiben Widersprüche, denn das Unternehmen beschäftigt Zwangsarbeiter und profitiert wirtschaftlich sehr stark von der Rüstungsindustrie beider Weltkriege. Kaum ein Militärfahrzeug oder Panzer wäre ohne die Bosch-Zünder gefahren. Ein Spagat zwischen Ablehnung und Anpassung an das System – in einer Epoche der Extreme. Als Psychotherapeutin beschäftigt sich Eva Madelung ihr Leben lang mit den Widersprüchen, die in Familien schlummern. Auch in ihrer eigenen. Denn sie selbst war als Mädchen von der Richtigkeit des NS-Systems überzeugt: "Mein Vater war ein wütender Nazi-Gegner. Eines Abends habe ich ihn schreien hören: ‘Warum bringt denn den Kerle niemand um!‘ Und ich habe genau gewusst, er meint Hitler. Und ich war ja Jungmädel und ich bin erschrocken. Alle anderen waren begeistert, die haben alle mitgemacht. Und ich habe da den Vater zu Hause, der darüber schimpft. Als Kind sitzt man dann irgendwie in einer Falle. Ich sage es immer wieder: Der Mensch ist ein Herdentier. Man will dazugehören." Anhand von selten gezeigtem privatem Archivmaterial der Familie Bosch erzählt dieser Film eine kaum bekannte und spannende Familiengeschichte. Zeitzeugin Eva Madelung erklärt am Beispiel ihrer eigenen Biografie, wie leicht es geschehen kann, dass man in den Sog von Populismus und menschenverachtenden Systemen gerät.

44 min

Zeuge der Zeit: Yehuda Bacon · Glück ist eine Möglichkeit

08.04.2024 | ARD-alpha

"Kinder! In jedem Menschen ist ein unauslöschlicher Funke Gottes, und mit der Zeit wird er zur Flamme." An jenem Tag im Jahr 1942, als ein Lehrer in Mährisch-Ostrau diesen Satz aussprach, wusste sein 13-jähriger Schüler Yehuda Bacon noch nicht, welche Bedeutung er für ihn später einmal haben würde. In Theresienstadt, Auschwitz, Mauthausen. Auf dem Todesmarsch. Im KZ Auschwitz begegnet der Jugendliche dem berüchtigten Arzt Josef Mengele, der bei den täglichen Selektionen über Folter, Tod und Leben entscheidet und der Mozart pfeift, wenn ihm dabei langweilig wird. Yehuda Bacon muss zusehen, wie sein Vater ins Gas geschickt wird. Seine Mutter und seine Schwester sterben den Hungertod. Später, im KZ Mauthausen, wird er Zeuge von Kannibalismus. Tief traumatisierende Erlebnisse. Und der Funke, von dem sein Lehrer ihm einst erzählte? Den entdeckt Bacon, wo immer er kann, auch am Ende seiner Kräfte: zum Beispiel in der Güte des Erziehers Fredy Hirsch, der die Sprache der SS beherrscht und sein Leben dafür einsetzt, um die jüdischen Kinder in Auschwitz vor dem Tod zu bewahren. Oder im Verhalten einer Gruppe anderer Jugendlicher im KZ, die in "gottlosen Zeiten" ihren eigenen Moralkodex aufrechterhalten und mit fremden, zum Tode verurteilten Kindern ihre Suppe teilen. "Mit meinen Händen kann ich ein Bauer werden, ich kann ein Pianist werden, ein Chirurg, denn ich habe wunderbare Finger. Aber ich kann auch ein wunderbarer Dieb werden, denn man muss nur geschickt sein. Von einem zum anderen ist ein sehr leichter Übergang." Yehuda Bacon Wie im Leid einen Sinn finden? Wie nach der Stunde Null weitermachen? Wie auf Hass nicht mit Hass reagieren? Yehuda Bacon hat für sich einen Weg gefunden. Über die Kunst und in seiner zutiefst menschlichen Sicht auf die Welt.

44 min

Zeuge der Zeit: Elly Gotz · Vom Zufall des Schicksals

22.01.2023 | ARD-alpha

Elly Gotz überlebte den Holocaust. In diesem eindrucksvollen Interviewfilm berichtet er nicht nur darüber, wie er mit der Todesangst im Konzentrationslager umging, sondern auch, wie es ihm mit 13 Jahren im Ghetto Kaunas in Litauen gelang, eine geheime Bibliothek einzurichten.Elly Gotz wird 1928 in der litauischen Stadt Kaunas geboren. Als er 13 Jahre alt ist, wird er gemeinsam mit seiner Familie und anderen jüdischen Nachbarn und Verwandten von den Nationalsozialisten in ein Ghetto gepfercht. Seine Eltern müssen Zwangsarbeit leisten, täglich werden Menschen von den deutschen Befehlshabern oder antisemitischen Litauern gefoltert oder umgebracht. Juden werden als "Untermenschen" angesehen, die es zu vernichten gilt. Auch ihre Kultur soll nach dem perfiden Plan der Nationalsozialisten verschwinden, und so müssen alle Juden ihre Bücher abgeben. Aber Elly und sein Vater Julius Gotz möchten sich weder das Leben noch ihre Kultur stehlen lassen. Unter Lebensgefahr richten die beiden in einem verlassenen Speicher eine geheime Bibliothek ein. Während seine Eltern bei der Zwangsarbeit sind, versteckt sich Elly hier und liest. Puschkin, Goethe, Schiller. „Das war meine Bildung im Ghetto“, sagt Elly Gotz, der nach dem Krieg Ingenieur geworden ist und seit 1964 in Kanada lebt. Letztlich ist es auch die Ausbildung zum Schlosser in einer improvisierten Metallschule im Ghetto Kaunas, die Elly immer wieder das Leben rettet. Denn als ausgebildeter Arbeiter hat er später im Konzentrationslager Dachau durch seine Fachkompetenz die Möglichkeit, im Außenlager Kaufering eine bessere Arbeit an einer Zementpumpe zu bekommen. Hierhin reist er im Jahr 2022 - 77 Jahre nach seiner Befreiung - wieder zurück: "Für mich sprechen diese Steine", sagt er, während er über das Lagergelände läuft. „Diese Steine erzählen die Geschichte. Ich stehe hier und ich sehe die Gespenster der Leute, die da herumwanderten, hungrig und krank. Die Gespenster fragen mich: Was hast du getan, dass du 77 mehr Jahre verdienst. Ich antworte: Es war ein Zufall des Schicksals, aber ich nütze die Jahre, um zu erzählen, was hier passiert ist.“Welche Albträume er jahrelang hatte, wie er seinen Hass in Tatendrang umlenkte und welche Gefahren von Demagogen auch heute noch ausgehen, davon erzählt Elly Gotz in diesem intensiven Film.